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Autor: Melf-Hinrich Ehlers, promoviert an der Humboldt Universität Berlin zur Bioenergienutzung und arbeitet beim Umweltberatungsinstitut Ecologic. Er studierte Ecological Economics und Landwirtschaft.

DER ERSATZ FOSSILER ENERGIEROHSTOFFE DURCH ERNEUERBARE ENERGIEN KANN UNSEREN CO 2 -AUSSTOSS REDUZIEREN. EIN BLICK AUF EUROPA ZEIGT, DASS ERNEUERBARE ENERGIEN BISHER NUR ETWA SIEBEN PRO- ZENT DES ENERGIEVERBRAUCHS AUSMACHEN. KANN DIE KLIMADISKUSSION EINE EUROPÄISCHE ENERGIEWENDE AUSLÖSEN? Die Schweiz ist eng mit dem übrigen Europa verknüpft und profitiert von allfälligen Entwicklungen bei den erneuerbaren Energien; seien diese nun ökologischer oder wirtschaftlicher Natur. Deshalb wollen wir den Blick auf Europa werfen und die Entwicklungen der verschiedenen erneuerbaren Energietechnologien rekapitulieren.

WINDKRAFT − EIN AGILER KLASSIKER
Die Windkraft gehört neben der Wasserkraft zu den etablierten erneuerbaren Energien. Mit ungefähr neun Prozent des europäischen Gesamtstromverbrauchs sorgt die Wasserkraft für knapp zwei Drittel des Stroms aus erneuerbaren Energien − in der Schweiz liegt sie bei über 70 Prozent. Die Windkraft aber hat in Europa besonders hohe Zuwachsraten. Von den weltweit installierten über 70 Gigawatt an Windenergiekapazität stehen zwei Drittel in Europa. Im Pionierland Dänemark macht die Windenergie schon länger über zehn Prozent der Stromerzeugung aus und leistet heute knapp 20 Prozent des Eigenverbrauchs, während sie in Deutschland, dem grössten Windenergieproduzenten Europas, nur 5.6 Prozent des Stromverbrauchs ausmacht. Beide Länder haben derzeit niedrige Zuwachsraten, da geeignete Standorte knapp werden und es in Dänemark zusätzlich an politischer Förderung fehlt. Die Windkraft hat sich in beiden Ländern aber zu einem bedeutenden Wirtschaftssektor entwickelt. Auch Spanien hat beachtliche Windenergiekapazitäten aufgebaut und ist mit 24 000 Terawattstunden der zweitgrösste Produzent Europas. Länder, die in jüngster Zeit die Windenergie verstärkt ausbauen, sind Frankreich, Irland und Portugal. Die Pionierländer bekommen also immer mehr Partner. Dabei werden nicht nur Küstenstandorte gewählt. Auch die Schweiz könnte ihre windstärkeren Gebiete nutzen.

SOLARENERGIE − VIEL GELD UND VIEL ZUKUNFT?
Solarenergie umfasst vor allem Fotovoltaik zur Stromerzeugung und Sonnenkollektoren zur Wärmeerzeugung. Attraktive Finanzierungsprogramme haben in den letzten Jahren für eine rapide Ausdehnung der Fotovoltaik in Deutschland gesorgt. Heute produziert Deutschland über 90 Prozent des europäischen Solarstroms, der aber nur knapp einen halben Prozent des erneuerbaren Stroms ausmacht. Pro Kopf produziert nur Luxemburg mehr. Im EU-Durchschnitt haben Deutschland und Spanien mit etwa 100 Prozent weitab die höchsten Zuwachsraten an Solarstrom. Spanien zieht also kräftig nach. Mittlerweile ist die Solarzellenproduktion zu einer boomenden Industrie geworden. Auch bei Solarwärme ist Deutschland Europas grösster Produzent. Die Förderung ist aber weniger lukrativ. Griechenland und Österreich folgen dicht mit einer viel höheren Solarwärmeerzeugung pro Kopf. Der Zuwachs an Solarwärme zieht in fast allen europäischen Ländern stark an. Besonders Frankreich baut seine Kapazitäten mit Raten von über 80 Prozent stark aus. Die Solarwärmeindustrie hat damit eine hohe Bedeutung innerhalb des Heizungsbausektors erlangt. Sowohl bei der Erforschung von Solarzellen, wie auch bei der Solarwärme ist die Schweiz erfolgreich. Die Chance, diese Technologien verstärkt für die eigene Energieerzeugung zu Nutzen, wurde aber bisher vergeben.

BIOENERGIE − DIVERSE FORMEN
Bioenergie, d.h. Energie aus frischer Biomasse, Holz und Reststoffen pflanzlicher und tierischer Herkunft, kann als Wärme, Strom oder Kraftstoff verwendet werden. Während in der Schweiz die Bioenergie einen Anteil von etwa 20 Prozent hält, hat in Europa die Bioenergie im Strombereich ähnlich hohe Anteile und Zuwächse wie die Windenergie. Die Stromerzeugung aus fester Biomasse mittels Kraft-Wärmekopplungsanlagen steigt vor allem in Deutschland und Dänemark. Finnland und Schweden sind allerdings immer noch die weitaus grössten Produzenten von Strom aus fester Biomasse. Insgesamt werden in Europa drei Viertel der Bioenergie aus festen Brennstoffen gewonnen. Die Nutzung von Biogas zur Strom- und Wärmegewinnung steigt in einigen Ländern stark an. Insgesamt steigt die europäische Stromerzeugung aus Biogas derzeit um jährlich 25 Prozent. Dies ist vor allem durch Anreize der deutschen Förderprogramme für landwirtschaftliches Biogas bedingt. In jüngster Zeit versuchen weitere europäische Länder ihre Biogasproduktion auszuweiten. Der Biomasseaktionsplan der europäischen Union setzt hier ambitionierte Ziele. Er fordert auch einen starken Anstieg der Nutzung von Kraftstoffen aus Biomasse. Derzeit sind knapp zwei Prozent des in der EU verbrauchten Kraftstoffs Biokraftstoffe. Deutschland ist der mit Abstand grösste Konsument, während es zusammen mit Spanien und Frankreich die Biokraftstoffproduktion Europas ankurbelt, die allerdings in Konkurrenz zur Nahrungsmittelerzeugung steht und ökologisch problematisch sein kann. Insbesondere für die Nutzung fester Biomasse stehen der Schweiz ideale Waldressourcen zur Verfügung. Auch Biogas aus Reststoffen bietet sich zur Nutzung vor allem in ländlichen Regionen an.

ERNEUERBARE ENERGIEN VERWIRKLICHEN
Für Deutschland haben die erneuerbaren Energien mittlerweile hohe wirtschaftliche Bedeutung: sie tragen ein Achtel zur Stromerzeugung bei, verbuchen über acht Milliarden Euro an Exporterlösen, bieten 214 000 Arbeitsplätze und helfen 100 Millionen Tonnen CO 2 einzusparen. In Ländern mit längerer Tradition der erneuerbaren Energien, wie Dänemark oder Österreich, bietet sich ein ähnliches Bild. Die Entwicklungen in anderen Ländern, insbesondere in Spanien, zeigen, dass sich erneuerbare Energien mehr und mehr in europäischen Volkswirtschaften etablieren. Dies ist durch starke politische und gesellschaftliche Unterstützung bedingt. Im Zuge der Klimadiskussion, die schon in den Anfängen der politischen Förderung im Deutschland der 80er-Jahre eine Rolle spielte, werden in den meisten europäischen Ländern auch bessere Entwicklungsstrukturen für erneuerbare Energien geschaffen. Schliesslich werden Visionen in passende Gesetze gegossen. Mit den so neu entstehenden Strukturen können sich neue Interessenlagen etablieren, die dem erneuerbaren Energiesystem zum Selbsterhalt verhelfen. Dies zeigt in Deutschland die Zusammenarbeit der Erzeuger erneuerbarer Energien mit dem mächtigen Verband der Maschinen- und Anlagenbauer, der Bauern- und Umweltschutzverbände und dem Handwerk.
Fazit: Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern hat die Schweiz in dieser Hinsicht noch deutlich aufzuholen. Nötige Ressourcen wären vorhanden. Ihre Nutzung müsste nur noch geschickt gefördert werden. Die Klimadiskussion bietet dafür gemeinsame Nenner, die es jetzt in der politischen Debatte zu nutzen gilt.

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