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Autoren: Marcel Brülisauer und Christoph Meier 

Interview mit

Holger Wallbaum, Assistenzprofessor für Nachhaltiges Bauen an der ETHZ. Er ist Mitgründer der Unternehmen triple innova (CSR und Nachhaltigkeits-Berichterstattung) und des gemeinnützigen mips-HAUS-Institutes für ressourcenschonendes Bauen

und mit Hansjürg Leibundgut, ordentlicher Professor für Gebäudetechnik im Departement Architektur der ETH Zürich. Vor seiner Berufung war er 20 Jahre lang Chefingenieur, später CEO und Präsident der Amstein+Walthert AG, einer grossen Ingenieurunternehmung für Technik am Bau.


EIN GROSSER TEIL DES ENERGIE- UND RESSOURCENVERBRAUCHS FLIESST INS BAUEN. DAMIT TRÄGT DIESER SEKTOR WESENTLICH ZUM KLIMAWANDEL BEI. WIR BEFRAGTEN DIE ETH-PROFESSOREN DR. HANSJÜRG LEIBUNDGUT UND DR. HOLGER WALLBAUM, DIE SICH MIT NACHHALTIGEN GEBÄUDEN BEFASSEN. Gebäude haben einen vielfältigen Einfluss auf die Umwelt und das Klima und darum eine wichtige Bedeutung in der Diskussion um den Klimawandel: Der Ort, wo das Gebäude gebaut wird, beeinflusst die Mobilität der künftigen Nutzer. Die Baumaterialien werden oft sehr energieintensiv hergestellt. Im Betrieb wird Energie verbraucht für Heizung, Klimaanlage, Licht, Lüftung etc. Am Ende des Lebenszyklus wird das Gebäude wieder abgerissen, die Stoffe müssen getrennt, recycelt oder entsorgt werden. Die Energie für diese Prozesse wird oft aus fossilen Quellen gewonnen und belastet die Atomsphäre mit CO 2 . An der ETH wird erforscht, wie diese Umweltauswirkungen reduziert werden können. STUDIO!SUS hat mit zwei Professoren gesprochen, die sich dieser Aufgabe widmen.

STUDIO!SUS: Warum ist Bauen für den Klimawandel relevant?
→Leibundgut: Das Klima wandelt sich, weil in der Atmosphäre zuviel CO 2 , Methan, Lachgas und andere Gase sind. Das heutige Bauen, wie es seit ca. 200 Jahren praktiziert wird, braucht viel Kohlenstoff für Bau und Betrieb. Dieser meist fossile Kohlenstoff wird aus dem Boden genommen, was früher nicht der Fall war.
→ Wallbaum: Durch die Zunahme der Bevölkerung und des Komforts in der heutigen Grössenordnung wird die Tragfähigkeit des Ökosystems belastet. Dadurch, wo und wie wir bauen, wird auch unser Mobilitätsverhalten beeinflusst.
→ Leibundgut: Die Atmosphäre erträgt gemäss IPCC noch 2 bis 3 Tausend Mil- liarden Tonnen CO 2 bis in 100 Jahren für einen Temperaturanstieg von 2 bis 3 Grad °C. Wenn wir so weitermachen wie heute, werden es 5 Tausend Milliarden Tonnen sein. Wir haben also ein Budget und ein Ziel, das wir erreichen müssen. Weltweit ist die Elektrizitätserzeugung eines der Hauptprobleme. Dieser Strom wird hauptsächlich in Gebäuden verbraucht.
→ Wallbaum: Die heute bekannten Konzepte des ökologischen Fussabdrucks haben die Diskussion zurückgestutzt, da dabei immer von Verzicht die Rede ist. Wir führen aber keine Verzichtsdiskussion...
→ Leibundgut: ...nicht von Energie, aber von CO 2 .
→ Wallbaum: Genau. Die Natur produziert im Überfluss. Es geht nun darum, intelligente Systeme zu entwickeln, die auch ökologisch tragbar sind und Wohlstand erzeugen.
→ Leibundgut: Mit der heutigen Technologie der Fotovoltaik benötigten wir 0.25% der Landfläche, um die Elektrizitätsbedarf zu decken. Wir haben also die interessante Aufgabe, einen 400fachen Überfluss zu verteilen.

STUDIO!SUS: Was ist ein nachhaltiges Gebäude?
→ Wallbaum: Die Urfunktion des Gebäudes ist der Schutz. Dies ist uns in den letzten Jahrhunderten gut gelungen, was die Behaglichkeit und den Komfort angeht. Die Umweltverträglichkeit ist jedoch suboptimal. Die Entwicklungsländer kopieren unsere verbesserungsfähigen Gebäudesysteme, da diese für sie Wohlstand verkörpern. Wenn wir dies auf die Bevölkerungsverteilung und -entwicklung übertragen, können wir uns das aber nicht leisten. Warum aber müssen wir in der so kleinen Schweiz etwas tun? Weil wir eine Vorbildsfunktion haben und als Exportland auch an technischen Neuerungen interessiert sein müssen.
→ Leibundgut: Nachhaltigkeit ist für jedes Individuum anders als für den Durchschnitt. Jede Aussage zur Nachhaltigkeit muss in ihrer Umgebung verstanden werden. Für uns heisst das, dass wir Gebäude konzipieren müssen, die ohne CO 2 betrieben werden und problematische Stoffe beim Bau und Betrieb vermeiden. → Wallbaum: Wir müssen wieder Kreisläufe schaffen, um die Stoffe zurückzuholen. Problematisch ist nicht die Abfallanhäufung, sondern dessen Qualität. Darum müssen wir auch das Ecodesign in die Gebäude miteinbeziehen, nicht nur den Energieverbrauch und den CO 2-Ausstoss minimieren, sondern auch die stofflichen Kreisläufe schliessen.

STUDIO!SUS: Was ist Ihr Forschungsauftrag und Forschungsziel?
→ Leibundgut: Unser Ziel ist die Transformation der bestehenden Gebäude in solche, die im Betrieb kein CO 2 ausstossen. Das heisst, die Beheizung mit fossilen Brennstoffen wird ersetzt durch elektrische oder passive Systeme. Damit verlagert sich das Problem auf die elektrische Seite. Der Stromverbrauch setzt sich zusammen aus Leistung mal Zeit. Darum wollen wir mit intelligenten Systemen sowohl die Leistung als auch die Betriebsdauer senken.
→Wallbaum: Mein organisatorisches Ziel ist es, den Themenbereich des nachhaltigen Bauens an der ETH zu etablieren. Inhaltlich geht es darum, intelligente Kombinationen in den Bereichen Neubau, Renovation und Ersatz von Altbauten zu entwickeln und zu koordinieren. Die Ziele der verschiedenen Akteure sind unterschiedlich, zum Beispiel gibt es heute noch kein konsistentes Modell für die zukünftige Entwicklung des Gebäudeparks in der Schweiz. Wir haben leider noch ein Umsetzungsdefizit, viele Erkenntnisse wären vorhanden. Diese müssen wir den Studenten weitergeben, damit sie sie umsetzen können.


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