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Autor: Tim Schlöndorn

IST EINE KLIMAFREUNDLICHE WIRTSCHAFTSPOLITIK ZWANGSLÄUFIG WACHSTUMSHEMMEND? KEINESWEGS, SAGT DER EHEMALIGE WELTBANK VIZEDIREKTOR UND FINANZMINISTER NICOLAS STERN IN SEINEM MONUMENTALEN BERICHT. Nicolas Stern erhielt im Juli 2005 von der britischen Regierung den Auftrag, die ökonomische Aspekte des Klimawandels zu untersuchen. Der am 30. Oktober 2006 veröffentlichte, 700 Seiten starke, Report hat eine klare Aussage: «Emissionen werden jetzt und auch weiterhin von Wirtschaftswachstum angetrieben; und doch ist eine Stabilisierung von Treibhausgaskonzentrationen in der Atmosphäre durchführbar und steht einem fortgesetzten Wachstum nicht im Wege.»

HANDELN IST BILLIGER
Stern analysiert im Detail für verschiedene Regionen die Auswirkungen des Klimawandels und die damit verbundenen Kosten und Nutzen, und kommt zu dem Schluss, dass Kosten von ca. 5—20% des weltweiten BIP anfallen werden, wenn wir weiterhin mehr und mehr CO 2 austossen. Die Schätzung variiert sehr stark, je nach dem was alles mit einbezogen wird. Wenn beispielsweise auch nicht marktwirtschaftliche Werte wie Ökosystemzustände und menschliche Gesundheit einbezogen werden, verdoppelt sich der wirtschaftliche Schaden durch den Klimawandel.
Sterns zentrale Schlussfolgerung ist, dass die Kosten einer Umstellung auf eine kohlenstoffarme Energieproduktion sehr viel geringer wären, als das Verbleiben bei fossilen Brennstoffen. Er stützt dies vor allem mit der Prognose von grossem wirtschaftlichen Wachstum durch Innovation und Produktion umweltverträglicher Technologien. Im optimalen Fall geht er sogar von zusätzlichem Wachstum durch die Verminderung des CO 2-Austosses aus. Die Schätzungen liegen zwischen 1% Wachstum und 3.5% Schrumpfung des weltweiten BIP, je nach dem wie schnell und gut die entsprechenden Politiken umgesetzt werden. Durch solche Politiken würden zwar bedeutende Kosten entstehen, ihr Ausmass erlaubt aber, im Gegensatz zu den Kosten des ungebremsten Klimawandels, ein weiteres Gesamtwachstum der Weltwirtschaft. Knapp die Hälfte des Reports beschäftigt sich mit der Wie-Frage, sowohl für die CO 2-Verminderung als auch für die Anpassung an den Klimawandel auf internationalem Level. Stern geht davon aus, dass es möglich ist mit marktwitschaftlichen Ansätzen, z.B. Kohlenstoffpreise, Technologiestrategie und Beseitigung von Hemmnissen für Verhaltensänderungen, und einer entsprechenden Politik den CO 2-Austoss rasch und effektiv zu reduzieren.

DIE FOLGEN IN ENTWICKELTEN LÄNDERN
Durch eine Erwärmung von 3 oder mehr Grad werden überall auf der Welt Schäden entstehen. Da über den Einfluss auf Entwicklungsländer sehr viel berichtet wird, sollen hier ein paar Details zu den Schäden in der industrialisierten Welt diskutiert werden. Viele Industrieländer liegen in eher kühlen Klimazonen und können von einer schwachen Erwärmung teilweise profitieren, ihre landwirtschaftliche Produktion zunächst steigern und die Heizkosten senken. In Australien, dem Süden der USA und Südeuropa hat jedoch bereits eine schwache Erwärmung gravierende Folgen, aufgrund der verringerten Wasserverfügbarkeit. Der Report spricht von einer 20%igen Reduktion der Wasserverfügbarkeit und damit der landwirtschaftlichen Erträge in Südeuropa, bei einem Temperaturanstieg von «nur» 2 Grad weltweit. Davon sind wir nicht mehr weit entfernt, denn das Klima hat sich bis heute schon um 0.7 Grad erwärmt. Der Klimawandel bringt neben der Erwärmung aber auch eine erhöhte Wahrscheinlichkeit beziehungsweise Verschärfung von Extremereignissen mit sich. Extreme Stürme, Überschwemmungen, Trockenheiten und Hitzewellen wie sie in den letzten Jahren bereits gehäuft vorkamen, werden vorraussichtlich bereits Mitte des Jahrunderts zur Tagesordnung gehören und Kosten von ca. 0.5−1% des weltweiten BIP verursachen. Für einzelne Regionen werden die Kosten jedoch weitaus mehr betragen. Wenn sich die Windgeschwindigkeit eines Hurricanes beispielsweise auch nur um 5−10% erhöht, verdoppelt sich die Schadenswirkung. Auch Hitzewellen wie im Jahr 2003 in Europa (35 000 Tote, 15 Milliarden US-Dollar landwirtschaftliche Schäden) werden sich verschärfen und häufiger auftreten.

MASSIVE WIRTSCHAFTLICHE IMPLIKATIONEN
Die erhöhte Wahrscheinlichkeit dieser Ereignisse hat weitreichende Folgen für den Versicherungsmarkt: Einerseits müssen Versicherungen ihr verfügbares, liquides Kapital deutlich erhöhen. Der Rückversicherer Swiss RE rechnet, basierend auf einer Studie der ETH Zürich, alleine für Sturmschäden mit einer Zunahme der versicherten Schadenslast von jährlich 11 Mio. Euro. Anderseits gewährleisten Versicherungen in Zukunft Risikogebieten lediglich begrenzten Schutz. Eine solche Einschränkung der Versicherbarkeit kann weitere Folgen haben, beispielsweise verlangen Banken einen Versicherungsnachweis zur Kreditvergabe. Die komplexen wirtschaftlichen Kreisläufe in bedrohten Regionen (vor allem die Südküste USA durch Hurrikane) werden damit stark eingeschränkt. Bereits nach dem Hurrikan «Katharina» sind 250 000 Personen aus der betroffenen Region permanent ausgewandert. Bei noch grösserem Temperaturanstieg werden ganze Regionen weitgehend unbewohnbar, aufgrund Überschwemmungen der Küsten und Verwüstung arider Gebiete. Die daraus resultierenden Migrationsströme können auch in entwickelten Ländern leicht Kriege und Bürgerkriege auslösen. Die stark globalisierten Märkte machen die entwickelten Länder auch anfällig auf Extremereignisse in Entwicklungsländern, die noch drastischer ausfallen werden. Es werden mehrere hundert Millionen Klimaflüchtlinge weltweit erwartet, davon 25 Millionen alleine aus Bangladesh bei einem Meerespiegelanstieg von 1m bis Ende des Jahrhunderts.

DISKONTRATEN UND ZUKUNFTSAUSSICHTEN
Stern diskontiert zukünftige Kosten je nach Wachstumszenario mehr oder weniger stark, d.h. der Nutzen eines Frankens heute ist aufgrund der Teuerung nicht gleich dem Nutzen eines Frankens morgen. In den meisten ökonomischen Analysen wird zusätzlich noch eine reine Zukunftsdiskontierung mitberechnet, sprich der Nutzen heute ist per se wertvoller als der Nutzen morgen. Diese Art von Abwertung zukünftiger Werte hält Stern für unethisch, da sie das Wohl zukünftige Generationen als generell weniger wichtig annimmt. In dem Report wird dennoch eine reine Zukunftsdiskontierung von 0.1% eingerechnet. Er begründet dies mit der Möglichkeit des vollständigen Aussterbens der Menschheit (10% Aussterbenswahrscheinlichkeit pro Jahrhundert). Diese Rechnung wurde von seiten einiger Ökonomen stark angegriffen, da in der herkömmlichen Berechnung von Investitionen deutlich höhrere Diskontierungsraten von durchschnittlich 5% verwendet werden. Eine weitere Schwäche des Reports liegt in den verwendeten Daten. Die Kilmaforschung macht sehr schnelle Vorschritte und der IPCC Report von 2001 der mit die wichtigste Quelle des Reports ist, ist bereits veraltet. Da der neueste Report jedoch von noch grösseren Schäden durch die Erwärmung ausgeht, als der bisherige, bleibt unbestritten, dass die wirtschaftichen Kosten des Klimawandels noch zunehmen, diejenigen einer Umstellung auf eine kohlenstoffarme Energieproduktion aber gleichbleiben werden.


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